Die letzte heidnische Generation verschwand leise und ohne nennenswerten Widerstand. Sie passte sich an, ohne sich dabei jedoch ganz aufzugeben. Sie prägte das Reich noch weiter – durch ihre Texte, ihre Amtsführung und ihre Erziehung. Bis heute gehen einige unserer heutigen Bräuche auf die antiken heidnischen Römer zurück, beispielsweise einige Monatsnamen.
Das Problem, warum das antike römische Heidentum ausgestorben ist: Für jeden Einzelnen war es individuell rational, sich den neuen Umständen und der neuen religiösen Ordnung unterzuordnen. Da es an einer organisierten Reaktion mangelte, war der Kampf der vielen Einzelnen aussichtslos. Eine bedrängte, alte Kultur erhält sich nicht von selbst, wenn junge, aufstrebende Ideen sie herausfordern.
Als das Serapeum in Alexandria 392 zerstört wurde, war das mehr als nur ein symbolischer Akt. Bei der Anlage handelte es sich um antike ägyptische Tempel zur Verehrung und Bestattung heiliger Stiere. Seine Zerstörung markiert das Ende einer Epoche, in der das Alte noch sichtbar war.
Doch Spuren bleiben bis heute: in der Verwaltung, in der Rhetorik, in den klassischen Bildungsinhalten. Die alten Texte werden bis heute kopiert, gelehrt, bewahrt – auch von Christen. Die erste christliche und die letzte heidnische Generation vermittelten beide zwischen zwei Welten. Sie trugen Teile der alten Ordnung in die neue Zeit; ohne sie zu retten, aber auch ohne sie ganz aufzugeben.
Wer den Übergang vom heidnischen zum christlichen Rom verstehen will, darf sich nicht vom großen politischen Drama der damaligen Zeit blenden lassen. Die entscheidenden Veränderungen vollziehen sich nicht abrupt, sondern schleichend, leise, vielschichtig und im Inneren der Gesellschaft. Genauer: im Inneren der Köpfe. Es ist kein plötzlicher Bruch, sondern ein langsames Verschieben der Fundamente. Die letzte heidnische Generation wuchs in einer Welt auf, die noch fest in den Traditionen der Götter verankert schien. Doch sie lebte und wirkte unter christlichen Kaisern und starb schließlich bereits in einem Reich, das sich grundlegend und nachhaltig verändert hatte.
Jede Epoche braucht Menschen, die ihre Zeit gestalten. Ihr Erbe liegt nicht nur in der Pflege alter Bräuche und überkommener Riten. Die Schwierigkeit, die es stets zu meistern gilt, lautet: Würde bewahren, selbst in Zeiten, die alles in Frage stellen.