Inzwischen war eine neue Generation herangewachsen. Sie war bereits christlich geprägt, anders sozialisiert und lebte mit neuen Zielen. Die Jugend der 360er und 370er Jahre erlebte das Christentum nicht mehr als Umbruch, sondern als Normalität. Sie wuchs mit Bischöfen, Märtyrerlegenden und Klöstern auf.
Diese Jungen und Mädchen standen im Kontrast zu ihren Vätern. Für die erste christliche Generation war das Heidentum fremd oder bestenfalls altertümlich. Statt sich in Rhetorik zu üben, strebten sie nach Askese und Heiligkeit. Die Kluft zwischen den Generationen wuchs. Die alten Männer hielten an ihrer klassischen Bildung, Tradition und Toleranz fest. Die Jungen bevorzugten ihr christliches Bekenntnis, Eindeutigkeit und asketische Strenge. Damit vollzog sich nicht nur ein religiöser Wandel, sondern gleich ein vollständiger kultureller Bruch. Die Sprache, der Lebensstil sowie das Selbstverständnis verschoben sich. Was gestern als klug galt, wirkte heute verdächtig. Die letzte heidnische Generation erkannte: Die Welt, die sie geprägt hat, verschwindet. Und sie konnte nichts mehr dagegen tun.
In den letzten Jahrzehnten des vierten Jahrhunderts verschoben sich die Machtverhältnisse endgültig. Die Kaiser Gratian, Valentinian II. und Theodosius I. stärkten das Christentum als staatstragende Religion. Bischöfe stiegen zu politischen Akteuren auf. Sie mischten sich ein, forderten die Umsetzung ihrer Pläne und entscheiden mit. Die alten Eliten aus Senatoren, Verwaltungsbeamten und heidnischen Philosophen verloren an Einfluss, wenn sie nicht mitzogen. Besonders deutlich wurde das im Jahr 382: Der Siegesaltar wurde aus dem Senat entfernt; ein klarer Bruch mit der Vergangenheit. Gleichzeitig verschärfte Kaiser Theodosius die Gesetzgebung. Heidnische Rituale, Opfer und Tempel wurden zunehmend verboten oder abgebaut.
Trotzdem verschwanden die paganen Aristokraten nicht einfach. Sie verhandelten, argumentierten und suchten und sicherten sich ihre Nischen. Manche kooperierten mit der Kirche, andere zogen sich ganz zurück. Die Beziehungen zwischen den drei Machtgruppen – Kirche, Bürokratie und Aristokratie – wurden zusehends komplexer. Es ging nicht mehr nur um theologische Fragen, sondern auch um Positionen, Kontrolle und Ansehen. Die letzte heidnische Generation blieb sichtbar. Doch war sie fortan umstellt von jüngeren, christlich sozialisierten Amtsträgern, die die Welt anders sahen.
Die einstigen heidnischen Hoffnungsträger waren nun Greise – körperlich geschwächt, aber geistig immer noch aktiv. Die römischen Intellektuellen alter Schule lehrten weiterhin, schrieben beispielsweise Briefe und kommentierten die damalige Lage der Welt. Manche der Gelehrten zogen sich auf ihre Landgüter zurück, pflegten alte Kontakte und erinnerten sich Roms großer goldener Zeit.
Doch um sie herum veränderte sich alles. Die jüngeren Christen übernahmen die Lehrstühle, die Verwaltung sowie die Fortführung des kulturellen Erbes. Sie schrieben neue Geschichten und setzten neue Maßstäbe. Die heidnische Welt existierte in Denkmälern, Festen und Erinnerungen weiter fort. Aber sie verlor ihre Selbstverständlichkeit. Für die alten Männer war das Reich nicht mehr ihr Reich. Sie sahen, wie andere die Bühne betraten. Und sie wussten, dass ihr Erbe nur noch zum Teil weitergegeben würde.