Aufgewachsen in den Städten der Götter

Dauer: 03:07

Die Kindheit der letzten heidnischen Generation spielte sich in einem religiös gesättigten Alltag ab. Im Jahr 310 standen allein in Alexandria über 2.500 Tempel – fast einer pro 20 Häuser. Götterstatuen blickten majestätisch auf die großen Plätze herab, der Duft von Weihrauch lag in der Luft. Die gesamte Stadtlandschaft war wie ein einziger großer Altar. Auch der Kalender spiegelte diese Welt: Im Jahr 354 wurden in Rom 177 Tage als religiöse Feiertage begangen. Das halbe Jahr war mit Prozessionen, Tieropfern und Spielen ausgefüllt.

Gleichzeitig kämpften die Familien mit hohen Sterblichkeitsraten. In den Städten starben jährlich etwa drei Prozent der Bevölkerung, die Kindersterblichkeit lag bei über 50 Prozent. Eine Frau, die es geschafft hatte, 50 Jahre alt zu werden, brachte im Schnitt sechs Kinder zur Welt. Nur zwei oder drei davon überlebten das Jugendalter. Deshalb erzogen oft Großeltern, Onkel, Lehrer und Pflegeeltern die Kinder gemeinsam in Großfamilien. Religiöse Rituale gehörten von Anfang an dazu: Die Kinder lernten, wie sie mit den Göttern umzugehen hatten – mit ritualisierten Speisen, Gesten und Gebeten. Wer in dieser Zeit groß wurde, erlebte die ganze antike Herrlichkeit der paganen Welt. Aus ihrer bis dahin währenden religiösen Stabilität erwuchsen sowohl eine fest geordnete Sozialstruktur als auch eine resiliente Kultur.

In den 320er und 330er Jahren kamen die Jungen dieser Generation in die Schule. Was sie dort lernten, war noch tief im Heidentum verankert. Grammatik, Rhetorik und Philosophie bestimmen den Alltag. Die Lehrer vermitteln nicht nur Wissen, sondern ein Lebensgefühl. Das Bildungssystem erzog die Schüler zur Elite: zur Teilhabe an einem Netzwerk aus Tradition, Sprache und Macht.

Obwohl Kaiser Konstantin inzwischen das Christentum förderte, drang davon nur wenig in die Schulräume vor. Die christliche Wende blieb zunächst eine Sache der kaiserlichen Politik, nicht des alltäglichen Denkens. Die studierten Texte bleiben weiterhin antik, die tradierten Werte klassisch und die Vorbilder heidnisch. Wer als Schüler durch diese Schulen ging, erlebte kaum, dass die Welt sich änderte.

Das römische Bildungssystem schuf Netzwerke, aus denen später politische Karrieren hervorgingen. So erzeugte sie einen kulturellen Rahmen, der auch noch für die letzte heidnische Generation selbstverständlich blieb. Wer sich in dieser Welt zurechtfand, hielt sie für stabil. Dass der Wandel längst begonnen hatte, fiel von innen heraus betrachtet kaum auf. Der Wandel begann im Verborgenen.