Der eurasische Balkan stellt als eine Kernzone globaler Instabilität in Eurasien ein Machtvakuum und ein ethnisches Mosaik dar. Armenien, Aserbaidschan und Georgien können sich auf historisch gewachsene Staatsvölker mit ausgeprägtem Nationalgefühl stützen. Demgegenüber spielen in den fünf neuen zentralasiatischen Staaten Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan Stammeszugehörigkeiten und ethnische Identitäten eine größere Rolle. Sie erinnern damit an die Situation auf dem Balkan nach dem Zerfall Jugoslawiens.
Geopolitisch ist der eurasische Balkan interessant, weil hier die künftigen Transportwege zwischen den reichen und produktiven Randzonen Eurasiens im Westen und im Osten als neue Seidenstraße verlaufen könnten. Noch wichtiger aber sind die dortigen ungeheuren Erdgas-, Erdöl-, Gold- und Mineralienvorkommen.
Die wichtigsten der fünf nach dem Zerfall der Sowjetunion in die Unabhängigkeit entlassenen zentralasiatischen Staaten sind Kasachstan und Usbekistan. Durch seine Größe und geographische Lage schützt Kasachstan die anderen vor direktem russischem Druck. Nur Kasachstan grenzt an Russland. Usbekistan ist zwar kleiner und verfügt über weniger Bodenschätze als Kasachstan, hat aber eine größere und homogenere Bevölkerung. Die Lage der instabilen Staaten fordert die mächtigen, konkurrierenden Nachbarn zum Eingreifen geradezu heraus.
Der derzeitige Kampf um die Vormachtstellung im eurasischen Balkan wird von Russland, der Türkei und dem Iran ausgetragen. Alle drei Hauptkontrahenten haben künftige geopolitische und wirtschaftliche Vorteile im Auge. Sie sind für die alleinige Kontrolle der Region aber zu schwach. China könnte ebenfalls ein wichtiger Protagonist werden. Dessen Präsenz in der Region und seine wirtschaftliche Dynamik erleichtern es den zentralasiatischen Staaten, das Interesse der Welt auf sich zu ziehen.
Die USA sind geographisch zu weit entfernt, um in diesem Teil Eurasiens eine beherrschende Rolle zu spielen. Um unbeteiligt zuzusehen, sind sie aber zu mächtig.
In erster Linie geht es um Zugang zur Region, über den bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion Moskau allein verfügte. Aserbaidschan und Usbekistan treten heute entschieden gegen Russlands Einflussbemühungen auf. Das ist für die USA, die in Asien eine Politik der Schwächung Russlands verfolgen, eine Chance.
Das primäre Interesse der USA muss sein, dass keine einzelne Macht die Kontrolle über dieses Gebiet erlangt. Die gesamte Weltgemeinschaft muss freien und ungehinderten finanziellen und wirtschaftlichen Zugang zu ihr haben.