Das schwarze Loch

Dauer: 02:49

Der Zerfall der Sowjetunion in ein Dutzend unabhängiger Staaten löste ein ungeheures geopolitisches Durcheinander aus. Dieses führte zu einem Machtvakuum im Zentrum Eurasiens. Russland erlebte eine schwere Systemkrise und verlor einen erheblichen Teil seines geopolitischen Einflusses.

In Zentralasien wurden Russlands Grenzen auf den Stand des Jahres 1850, im Kaukasus auf das Jahr 1800 und im Westen auf das Jahr 1600 zurückversetzt. Im Süden droht das Gespenst eines möglichen Konflikts mit islamischen Staaten. Im Osten entwickelt sich ein fortschrittliches, dynamisches und erfolgreiches China. Besonders beunruhigend war für Russland aber der Verlust der Ukraine.

Vor diesem Hintergrund stellte sich für Russland die Frage, in welchen Raum es als Macht und als Kultur gehört und wofür es steht.

Die erste Antwort lautete, dass eine voll entwickelte strategische Partnerschaft mit den USA Priorität habe. Die Zweite lautete, dass Russland seine Beziehungen zum nahen Ausland ausbauen müsse.

Die dritte lautete, dass Russland eine eurasische Anti-USA-Koalition aufbauen müsse, um den amerikanischen Einfluss auf dem Kontinent zu verringern.

Nur die zweite Option war ökonomisch und geopolitisch sinnvoll: der Ausbau der Beziehungen zum näheren Ausland.

Alle drei Optionen überschätzten aber die Kräfte Russlands und unterschätzten die geopolitischen Bestreben der USA.

Eine Anti-USA-Koalition mit China und dem Iran könnte sich nur dann entwickeln, wenn die USA so kurzsichtig sind, sich China und den Iran gleichzeitig zum Feind zu machen. Wenn Russland die geopolitische Isolation vermeiden will, ist die einzige geostrategische Option ein Bündnis mit Europa.

Keine andere Option kann Russland die Vorteile verschaffen, die ein modernes, reiches, demokratisches und an die USA gekoppeltes Europa bieten kann.

Hierzu muss Russland jedoch seine imperialen Ambitionen aufgeben und durch einen langwierigen Prozess politischer und sozioökonomischer Reformen demokratisch werden. Die Russen müssen begreifen, dass dies für Russland kein Akt der Kapitulation, sondern der Befreiung ist.

Russland wird es schwerfallen, den NATO-Beitritt der Ukraine anzuerkennen. Seine Weigerung wäre jedoch gleichbedeutend mit dem Eingeständnis, dass es Europa zugunsten einer eurasischen Identität den Rücken kehrt. Europa und Amerika stellen für einen nicht auf Expansion ausgerichteten, demokratischen russischen Nationalstaat keine Bedrohung dar.

Das erneute Entstehen eines eurasischen Imperiums muss hingegen von den USA verhindert werden. Dieses könnte als einziges die USA daran hindern, ein größeres euro-atlantisches System zu entwerfen, in das Russland dauerhaft und sicher einbezogen wird.